Zu Fuß gehen: Die unterschätzten Vorteile gegenüber allen anderen Fortbewegungsmitteln
Wer zu Fuß gehen gegen andere Verkehrsmittel abwägt, vergleicht normalerweise zwei Dinge: die Zeit, die der Weg dauert, und die Zeit, die man braucht, um das Auto zu tanken oder das Fahrrad zu reparieren. Das ist ein verengter Vergleich. Tatsächlich sitzt ein durchschnittlicher Autofahrer nicht nur hinter dem Lenkrad, sondern verdient sich die Zeit zum Fahren erst: durch Arbeit, um den Wagen zu kaufen, durch Stunden zum Reparieren, durch Geld für Versicherung und Sprit. Wer diese Kosten in Minuten umrechnet, eine bekannte Methode, um die echte Zeiteffizienz zu messen, kommt bei vielen innerstädtischen Wegen zu einem überraschenden Ergebnis: Zu Fuß gehen ist nicht langsamer, es ist schneller. Nicht wegen der Geschwindigkeit, sondern wegen der verborgenen Zeit, die andere Mittel fressen.
Ein Haushalt in Österreich gibt durchschnittlich etwa 15 Prozent seines Einkommens für Mobilität aus, überwiegend für Auto und Motorrad, zusammen etwa 504 Euro monatlich. Ein Mensch, der statt Auto zu Fuß oder mit dem Fahrrad fährt, braucht diese Stunden nicht zu arbeiten, um die Mobilität zu bezahlen. Gehen kostet praktisch nichts, nur normale Schuhe. Ein Fahrrad liegt bei 10 Cent pro Kilometer. Ein Auto kostet zwischen 800 und 1.200 Euro im Jahr, und das ist eher die Untertreibung. Für jemanden, dessen Alltag sich im Umkreis von fünf Kilometern abspielt, ist das finanzielle Argument allein schon erledigt. Aber das ist blöd, wenn man nur von Geld spricht. Das eigentliche Ding ist: wer nicht arbeiten muss, um sein Verkehrsmittel zu bezahlen, hat Zeit. Daneben sitzt eine ganz andere Kette von Fakten. Tägliches Gehen von dreißig Minuten senkt das Schlaganfallrisiko um ein Fünftel. Wer länger geht, kann es um 40 Prozent senken. Das klingt nach einer Krankheitsstatistik, ist aber für den Alltag das Gegenteil von akademisch: Es bedeutet, dass man länger lebt und schneller im Kopf bleibt. Ein Autofahrer sitzt mehrere Stunden täglich in einer Position, die sein Übergewicht fördert, seine Muskulatur abbaut und sein Diabetes-Risiko erhöht. Das ist nicht metaphorisch, das sind bekannte Effekte. Ein Fahrrad ist aus dieser Perspektive besser als ein Auto, aber intensiver, nicht jeder will oder kann täglich mit Kraft fahren. Gehen ist dosierbar, verletzungsarm und für fast jeden machbar, auch für ältere Menschen und Menschen mit physischen Einschränkungen, die ein Rad nicht nutzen können.
Was weniger gemessen, aber häufig berichtet wird: Gehen verändert die mentale Gesundheit. Ein Spaziergang reduziert negative Gedankenmuster, verbessert die Konzentration und macht den Kopf klarer. Menschen mit depressiven Symptomen, die regelmäßig gehen, berichten von messbarer Besserung. Das Autofahren wirkt auf die Psyche deutlich anders, Staus erzeugen Frustration, der Blick auf die Straße kostet permanente Aufmerksamkeit, und die Isolation in der Fahrerkabine verstärkt, was psychologen Entfremdung nennen. Öffentliche Verkehrsmittel können funktionieren, aber Verspätungen und Überfüllung erzeugen ebenfalls Stress. Das ist nicht spekulativ. Es ist die Differenz zwischen: ich bin unterwegs und erlebe etwas, versus ich fahre irgendwo hin. Ein Punkt, der in der Infrastrukturdiskussion oft wegfällt, ist dieser: Ein Gehweg, den mehrere Menschen gleichzeitig nutzen, transportiert pro Stunde mehr Menschen als eine Autospur mit einzelnen Fahrzeugen. Das ist nicht poetisch, das ist Verkehrsplanung. Eine Stadt, in der viele Menschen zu Fuß gehen, braucht weniger Parkplätze, und Parkplätze sind totes Kapital, das könnte Parks sein, Grünflächen, Plätze zum Leben. Sie braucht weniger Straße zu reparieren. Sie hat weniger Lärm, und Lärm ist ein echtes Gesundheitsproblem in Städten, das zu lange ignoriert wird. Außerdem: Ein Fußgänger kann mit Nachbarn sprechen, Läden betreten, Kinder beobachten. Ein Autofahrer sitzt isoliert. Das ist nicht philosophisch, das ist urbane Realität. Orte, an denen viele Menschen gehen, sind lebendiger und sicherer.
Umweltmäßig gibt es kaum noch etwas zu sagen. Null Emissionen gegen 120 bis 150 Gramm CO2 pro Kilometer beim Auto. Ein Fahrrad ist etwa zehnmal besser als ein Auto. Ein Bus produziert noch um die 72 bis 74 Gramm pro Fahrgast. Nur: Es geht nicht nur um CO2. Autos erzeugen Feinstaub und Stickoxide, die Atemwegserkrankungen verursachen. Gehen trägt zur Luftreinheit bei. Je mehr Menschen gehen, desto weniger braucht die Stadt zu putzen.
Jetzt die Grenzen, die es gibt: Für fünfzig Kilometer Arbeitsweg geht das nicht. Für Menschen mit bestimmten Mobilitätsbeeinträchtigungen ist Gehen unmöglich. Im Winter in manchen Regionen, bei schlechtem Wetter, für den Transport von Gütern, alles Szenarien, wo andere Mittel notwendig bleiben. Das zu ignorieren wäre dumm. Aber es bedeutet nicht, dass Gehen irrelevant ist. Es bedeutet nur, dass es nicht für alles passt.
Was mich bei dieser Debatte irritiert, ist die Verkehrung: Gehen wird als Notlösung dargestellt, wenn's nicht anders geht. Dabei sollte es andersherum sein. Für die meisten Wege im Alltag, unter fünf Kilometern, wäre Gehen die Standardlösung, unterstützt durch brauchbare Gehwege und dichte Wohnstrukturen. Alles andere ist das Ausnahmeszenario. Aber unsere Infrastruktur ist für Autos optimiert, nicht für Menschen. Das ist keine Naturgegebenheit, das ist eine Entscheidung. Und eine, die ziemlich teuer wird, wenn man alle Kosten addiert. Wer das einmal durchrechnet, geht danach nicht mehr aus Mangelwirtschaft, sondern aus rationalem Eigeninteresse.